Wonach suchen Sie?

Hitzeschutz ohne Klimaanlage: Warum fühlen sich Räume mit Lehm oft kühler an?

30. Juli 2026

(c) Marie Kreibich

Hohe Temperaturen gefährden Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Wirtschaft

Die vergangenen Hitzewellen haben gezeigt, wie gravierend die Folgen hoher Temperaturen für Gesundheit, Wirtschaft und Umwelt sind. In Deutschland gab es nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts zwischen der 15. und 28. Kalenderwoche etwa 7.900 hitzebedingte Sterbefälle.
Auch für Konzentration und Reaktionsfähigkeit sind die Folgen von Temperaturen über 26 °C stark spürbar. Studien zeigen eine um mehr als zehn Prozent verlängerte Reaktionszeit. Insgesamt wurden Einbußen bei den untersuchten kognitiven Leistungen von etwa vier bis 13 Prozent festgestellt (Cedeño Laurent et al., 2018).
Das Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos beziffert die volkswirtschaftlichen Kosten der Hitzewelle vom 17. bis 30. Juni 2026 auf 6,3 Milliarden Euro. Ein Tag mit extremer Hitze und Temperaturen über 35 Grad kostet die Volkswirtschaft knapp eine Milliarde Euro (Prognos, 2026).
Rund 97 Prozent dieser Kosten entstehen laut Prognos durch Produktivitätsverluste. Menschen arbeiten langsamer, benötigen mehr Pausen oder können sich schlechter konzentrieren. Hinzu kommen hitzebedingte Erkrankungen, Arbeitsunfälle und Fehltage. Für Zeiten mit hoher Hitzebelastung schätzt das Umweltbundesamt Produktivitätseinbußen von bis zu zwölf Prozent (Umweltbundesamt, 2023).

Hitzeschutz durch intelligentes Zusammenspiel von verschiedenen Bauteilen

Während extremer Hitze können Klimaanlagen für manche Personen sinnvoll sein, sie sind aber nicht überall die beste Lösung: Sie verbrauchen viel Strom und erhöhen, je nach Strommix, CO₂-Emissionen, die wiederum zur Erwärmung der Atmosphäre beitragen. Zudem müssen sie regelmäßig gewartet und gereinigt werden. Die Feuchtigkeit, die beim Herunterkühlen der Raumluft durch Kondensation entsteht, muss ebenfalls abtransportiert werden. Außerdem wird die den Räumen entzogene Wärme in die Umwelt abgegeben, zum Beispiel in den Stadtraum.

Die „Low-Tech“ Lösung für sommerlichen Hitzeschutz liegt im Zusammenspiel verschiedener Baumaterialien und Maßnahmen wie Fassadenschutz und -begrünung, Dämmung, Fensterverschattung durch Dachvorsprünge oder Rollläden, Verglasung, richtigem Lüften – und thermischer Speichermasse.

Lehm punktet im Sommer: Thermische Speichermasse und Phasenverschiebung 

Durch hohe Temperaturen und Sonneneinstrahlung dringt Wärme von außen über Dach, Fassade und Fenster in die Innenräume ein. Dämmschichten funktionieren wie eine Sanduhr und verringern den Wärmedurchgang, können ihn aber nicht vollständig verhindern.

Schwere Bauteile aus Lehm funktionieren bei sommerlicher Hitze wie ein Akku: Bei Sonneneinstrahlung auf die Fassade oder durch die Fenster wird die Wärme im Bauteil zwischengespeichert. Erst wenn der Akku voll ist, wird die Wärme an den Raum abgegeben. Das Ziel ist es, den Durchgang der heißen Mittagstemperaturen durch ein Bauteil so lange zu verzögern, bis es Nacht geworden ist und sich die eingedrungene Wärme durch geöffnete Fenster ablüften lässt.

Phasenverschiebung: Die Phasenverschiebung in der Bauphysik ist die zeitliche Verzögerung (in Stunden), mit der eine Temperaturwelle (wie die Sonneneinstrahlung an der Außenwand) durch ein Bauteil zur Innenseite wandert. Sie hängt im Wesentlichen von der Wärmeleitfähigkeit und der thermischen Speichermasse ab, die sich wiederum aus spezifischer Wärmekapazität des Materials, seiner Rohdichte und der Bauteildicke zusammensetzt.

Thermische Speichermasse: Beschreibt die Fähigkeit eines Baustoffs, Wärmeenergie zu speichern. Das Phänomen kennt man zum Beispiel aus Kirchen, die an Sommertagen noch lange kühl sind. Entscheidend sind dabei folgende Faktoren:

  • Spezifische Wärmekapazität des Materials: Beschreibt, wie viel thermische Energie pro kg Material gespeichert werden kann.
  • Rohdichte: Je schwerer ein Material pro Kubikmeter ist (Rohdichte), desto mehr Wärmeenergie kann pro Kubikmeter gespeichert werden.
  • Dicke des Bauteils: Je dicker ein Bauteil, desto mehr Speichermaterial hat es.

Verschiedene Baustoffe im Vergleich

Gips (Platte und Putz)

Gips hat eine mittlere spezifische Wärmekapazität von 0,9 kJ/kgK (Putz) bis 1,1 kJ/kgK (Gipsfaserplatte) und kann damit im gewissen Ausmaß thermische Energie speichern. Gips ist allerdings ein sehr leichtes Material mit geringer Rohdichte (680 – 1.150 kg/m³) und bringt somit wenig thermische Speichermasse in das Gebäude ein.

Kalkzement (Putz)

Kalkzement hat eine geringere spezifische Wärmekapazität von 0,85 kJ/kgK und kann damit etwas thermische Energie speichern. Kalkzementputz ist schwerer als Gipsputz, jedoch leichter als Lehmputz, und bringt entsprechend eine mittlere Rohdichte (1.550 kg/m³) ein.

Lehm (Platte und Putz)

Lehm hat mit 1 – 1,1 kJ/kgK eine etwas höhere spezifische Wärmekapazität als Gips oder Kalkzement. Lehm bringt aufgrund der hohen Rohdichte (bei den betrachteten ClayTec-Produkten 1.450 bzw. 1.800 kg/m³) viel Masse in das Gebäude ein und sorgt so dafür, dass die Wärme mit erheblicher Zeitverzögerung die Innenräume erreicht.

Lehm am effektivsten beim Hitzeschutz

Bei gleicher Putzdicke erreicht der ClayTec Lehmputz knapp die doppelte flächenbezogene Wärmespeicherfähigkeit des Gipsputzes. Gegenüber dem Kalkzementputz liegt der Wert rund 37 % höher.
Auch bei den Platten fällt der Unterschied deutlich aus. Selbst wenn man bei der ClayTec Lehmbauplatte schwer eine theoretische Dicke von 12,5 mm zur besseren Vergleichbarkeit annimmt, ist die flächenbezogene Wärmespeicherfähigkeit der Lehmbauplatte mit 19,94 kJ/m2K mehr als doppelt so hoch wie bei Gipskartonplatten.

Quellen: Bundesverband der Gipsindustrie, EPD Gipsputz (2022) und Gipsdatenbuch (2025); Fermacell Produktblatt (2026); Fraunhofer-Institut für Bauphysik: WUFI-Datenbank zu Kalkzementputz (2006); ClayTec Produktblätter Lehmbauplatte schwer D22/D16 (2025) und Lehm-Unterputz mit Stroh (2025), Dachverband Lehm e.V. Lehmbau Regeln (2007).

Spürbare Auswirkungen auf die Raumtemperatur

Der Effekt dieser schweren Bauteile lässt sich in Simulationsstudien nachweisen. Das Büro für Bauphysik Horschler hat den sommerlichen Wärmeschutz eines Dachgeschossraums in einem zweigeschossigen Wohnhaus in Holztafelbauweise untersucht. Verglichen wurde eine Innenbekleidung aus der ClayTec Lehmbauplatte schwer D22 mit einer zweilagigen Gipskartonbekleidung (25 mm). Bewertet wurden die sogenannten Übertemperaturgradstunden.

Übertemperaturgradstunden geben an, wie lange und um wie viel Grad die Innentemperatur die 26-°C-Marke überschreitet. Liegt die Temperatur beispielsweise eine Stunde lang bei 27 °C und zwei Stunden bei 28 °C, sind insgesamt fünf Übertemperaturgradstunden angefallen.

Übertemperaturgradstunden (h)
Fensterflächenanteil 20 % 30 % 40 % 50 %
ClayTec Lehmbauplatte schwer 22 mm 221 490 840 1.371
Gipskartonplatte 25 mm 320 642 1.034 1.613
Reduktion der Übertemperaturgradstunden 31 % 24 % 18 % 15 %

Klimaregion B: Bezugswert θb,op = 26 °C

Die Studie zeigt, dass die ClayTec Lehmbauplatte schwer D22 die Übertemperaturgradstunden um bis zu 30 % im Vergleich zur Gipskartonplatte reduzieren kann. Trockenbau- und Putzmaterial haben nachweislich einen Einfluss auf die Innenraumtemperatur.

Besonders clever: Kühlen mit Flächenheizung und Luft-Wasser-Wärmepumpe

Ein System aus Luft-Wasser-Wärmepumpe, wassergeführter Flächenheizung und Lehmverputz ist im Winter wie im Sommer eine gute Idee. Im Winter reichen bereits Vorlauftemperaturen von etwa 35 °C aus, um einen Raum zu erwärmen (bei Heizkörpern eher 55-65 °C Wassertemperatur). Der Lehm leitet die Strahlungswärme schnell an den Raum weiter und sorgt für eine effiziente Erwärmung der Räume.

Im Sommer lässt sich das gleiche System zum Kühlen nutzen. Voraussetzung ist, dass die Luft-Wasser-Wärmepumpe reversibel arbeitet und dadurch gekühltes Wasser durch die Heizung in Wänden oder Decken leiten kann. Vorlauftemperaturen von etwa 20 °C können schon ausreichen, um die Raumtemperatur zu senken.

(c) ZRS Architekten Ingenieure (links) und Hand.Werk.Marketing Florian Eder (rechts).

Zu beachten ist, dass durch das Herunterkühlen der Raumluft die relative Luftfeuchtigkeit steigt. Werden die Oberflächen zu stark abgekühlt und unterschreiten den Taupunkt, kann sich Kondenswasser bilden. Anders als andere Putze kann Lehm Feuchtigkeit aus der Luft bei feuchter Raumluft aufnehmen und bei trockener Raumluft wieder abgeben. Somit werden Spitzen der relativen Luftfeuchtigkeit ausgeglichen und das Risiko für Kondenswasserbildung gesenkt.

Lösung: Warum fühlen sich Räume mit Lehm oft kühler an?

Im Vergleich zu leichten Baustoffen wie Gips bringt Lehm mehr Masse in Wand und Decke. Dadurch nimmt er Wärme auf und gibt sie erst später wieder an den Raum ab. Lehmputz kann außerdem Feuchtigkeit aus der Raumluft aufnehmen und bei trockenerer Luft wieder abgeben. Zusammen mit guter Dämmung, Verschattung und nächtlichem Lüften hilft das, starke Temperatur- und Feuchteschwankungen abzufedern.

+49 2153 918 0
service@claytec.com
Zu den Partnerbetrieben